Verkündigung des Wortes, Vorbereitung eines Volkes

Wachsender Zorn nach dem ersten Golfkrieg 1991

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Wachsender Zorn nach dem ersten Golfkrieg 1991

Osama bin Laden und die Führer anderer militanter islamischer Gruppen in Ägypten, Bangladesch und Pakistan gehörten.

Die Erklärung bietet einen Einblick in die Motivation islamischer Terroristen. Darin heißt es: „Seitdem Gott die arabische Halbinsel ausbreitete, ihre Wüste schuf und sie mit ihren Meeren umgab, wurde sie noch nie von einem Unheil befallen wie von diesen Kreuzfahrer-Horden, die sich wie Heuschrecken vermehren und den Boden bedecken, seine Früchte verzehren und sein Grün vernichten. Das geschieht zu einer Zeit, in der die Nationen gegen die Muslime streiten wie Hungrige, die sich gegenseitig vor einer Schüssel Nahrung schubsen.“

In der Erklärung werden drei Gründe für die Verurteilung der USA genannt:

„Erstens: Seit mehr als sieben Jahren besetzen die USA Arabien, die heiligsten Gebiete des Islam, plündern seine Reichtümer, stürzen seine Herrscher, demütigen seine Völker, bedrohen seine Nachbarn und be nutzen ihre Stützpunkte auf der Halbinsel als Speerspitze, um gegen die benachbarten islamischen Völker zu kämpfen.

Zweitens: Trotz der unermesslichen Vernichtung, die dem irakischen Volk von der Allianz der Kreuzfahrer und Juden zugefügt wurde, und trotz der erschreckenden Anzahl der Toten – mehr als eine Million – sind die Amerikaner immer noch bemüht, dieses schreckliche Gemetzel zu wiederholen . . .

Drittens: Obwohl die Zielsetzung der Amerikaner in diesen Kriegen religiöser und wirtschaftlicher Art ist, dienen die Kriege auch dem unbedeutenden Staat der Juden, indem sie von ihrer Besetzung Jerusalems und ihrer Tötung der dortigen Muslime ablenken.“

Die Unterzeichner gelangen zu dem Schluss, dass diese „Verbrechen“ einer „klaren Kriegserklärung der Amerikaner gegen Gott, seinen Propheten und Muslime“ gleichkommen. Der Leser wird daran erinnert, dass die ulema – „die Verantwortlichen für Theologie und das islamische Gesetz oder Scharia“ – in vergangenen Jahrhunderten einstimmig verfügten, Dschihad sei die persönliche Verpflichtung eines jeden Muslims bei einem feindlichen Angriff auf muslimische Länder.

In einem Beitrag für die Zeitschrift Foreign Affairs (Ausgabe November-Dezember 1998) kommentierte Bernard Lewis, Professor für den Bereich Mittlerer Osten an der Universität Princeton (USA), die Erklärung folgendermaßen: „Die klassischen arabischen Historiker berichten uns, dass [im Jahr 641 n. Chr.] der Kalif Umar die Ausweisung von Juden und Christen aus Arabien ausrief, um einen Aufruf des Propheten auf seinem Sterbebett zu erfüllen: ,Lass keine zwei Religionen in Arabien sein.‘ Die davon Betroffenen waren die Juden der Oase Khaybar im Norden und die Christen im südlichen Najran.“

Lewis fährt fort: „Die Vertreibung von religiösen Minderheiten kommt in der islamischen Geschichte ganz selten vor, anders als beim mittelalterlichen Christentum, bei dem die Ausweisung von Juden und Muslimen normal war und häufig vorkam . . . Der Aufruf war aber endgültig und unumkehrbar, und bis heute ist der Zutritt zum heiligen Land der Hijaz [die Region um Mekka, Medina und gelegentlich ganz Saudi-Arabien] für Nicht-Muslime verboten . . . es ist ein schwerwiegendes Vergehen für einen NichtMuslim, den heiligen Boden zu betreten . . . Wenn es um ihr heiliges Land geht, neigen viele Muslime dazu, den Kampf – und gelegentlich auch den Feind – im religiösen Sinne zu definieren. Dabei sieht man die amerikanischen Truppen, die zur Befreiung Kuwaits und zum Schutz Saudi Arabiens vor Saddam Hussein entsandt wurden, als ungläubige Invasoren und Besatzer. Diese Sichtweise wird durch Amerikas unangefochtene Vormachtstellung unter den nichtmuslimischen Ländern begünstigt.“

Drei Jahre vor den Anschlägen auf das World Trade Center und das Pentagon kam Professor Lewis in seinem Artikel zu folgendem Schluss: „Manche Muslime sind bereit, die in der Erklärung enthaltene extreme Auslegung ihrer Religion zu billigen, und einige sind bereit, sie anzuwenden. Der Terrorismus braucht nur wenige Ausführende. Freilich muss sich der Westen durch wirksame Abwehrmaßnahmen verteidigen. Bei der Ausarbeitung von Strategien zur Bekämpfung der Terroristen wäre es jedoch bestimmt hilfreich, ihre Motivation zu verstehen.“

In ihrem Buch Islam stellt die Historikerin Karen Armstrong Folgen des zum islamischen Fundamentalismus fest: „Am Ende des 20. Jahrhunderts hatten einige Muslime zum ersten Mal heilige Gewalt zu einer grundlegenden islamischen Pflicht erhoben. Diese Fundamentalisten bezeichnen westlichen Kolonialismus und postkolonialen westlichen Imperialismus als al-Salibiyyah: den Kreuzzug“ (Seite 180).

Dieser Begriff ist für Muslime bewusst gewählt, erinnert er doch an die gewaltsame Auseinandersetzung zwischen dem mittelalterlichen Christentum und dem Islam vor fast 1000 Jahren, als europäische Heere sich anschickten, die „heiligen“ Stätten des Christentums aus der Ge walt des Islams zu befreien. Dabei wurden schreckliche Gräuel taten verüb t. Armstrong meint allerdings: „Der koloniale Kreuzzug ist zwar weniger gewaltsam gewesen, aber seine Auswirkungen waren verheerender als die mittelalterlichen Kreuzzüge.“

Die kulturellen Werte des Westens haben großen Einfluss auf alle Länder der Welt und werden deshalb von vielen Menschen verachtet. Karen Armstrong fährt fort: „Weltweit stellen wir fest, dass Menschen aus allen wichtigen Religionen unter dem Einfluss des westlichen Modernis mus taumeln. Dabei entsteht die häufig intolerante Re li giosität, die wir Fundamentalismus nennen“ (Hervorhebung durch uns).

Fundamentalistische Bewegungen beschränken sich nicht allein auf den Islam, noch gibt es nur zwischen dem Christentum und dem Islam religiöse Konflikte. Das vorwiegend hinduistische Indien hat wiederholt gewalttätige Auseinandersetzungen zwischen fundamentalistischen Hindus und Muslimen erlebt. Konflikte zwischen Christen und Muslimen sind jedoch in den letzten vierzehn Jahrhunderten ein beständiges Thema gewesen. Heute flammt dieser Konflikt immer wieder dort auf, wo es Christen und fundamentalistische Islamisten gibt, z. B. in Afrika und Indonesien.

Selbst in islamischen Ländern gibt es Spannungen zwischen Fundamentalisten und gemäßigten Politikern. In keinem islamischen Land dürfen christliche Missionare ungehindert tätig sein, noch ist Christen die freie Einreise bzw. Einbürgerung erlaubt. Islamische Länder bleiben so garantiert islamisch. Zum Vergleich: Seit dem Zweiten Weltkrieg haben westliche Länder Einwanderer aus islamischen Ländern aufgenommen. In Zukunft mögen wachsende islamische Minderheiten in diesen Ländern die Bemühungen der dortigen Regierungen erschweren, mit dem Problem des islamischen Fundamentalismus fertig zu werden.